Die besten Alben 2016.

 

„Now I walk around in some kind of altered state
The drink in my hand is starting to shake
I get used to it if it has to stay this way
A new bunch of flowers I’ll have to arrange“

 

2016 geht wohl als ziemliches Kackjahr in die Geschichte ein. Das könnte man meinen, wenn man die beängstigenden politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auf dem gesamten Planeten betrachtet. Auch für mich persönlich war 2016 eines der weniger erfreulichen Jahre, aber bei weitem nicht mein schlimmstes. Dafür gab es zu schöne Highlights: Das Meer, Begegnungen mit vielen tollen Menschen, die ich nicht missen möchte, richtige und wichtige Entscheidungen. Und Musik. Immer wieder Musik.

Einige der Alben, die mich in diesem Jahr begleitet haben und mich sicher auch noch lange begleiten werden, habe ich hier – in halbwegs loser Reihenfolge – zusammengestellt.
Die Auswahl ist überraschend ‚unrockig‘, im besten Sinne nostalgisch und sehr emotional. Vielleicht spiegelt sie ja das scheidende Jahr ganz gut wieder und erinnert mich im kommenden Jahr daran, was zur Zeit wirklich wichtig scheint:

Keine Wut. Keine Experimente.
In sich gehen. Zurückblicken. Beobachten. Reflektieren. Sich auf das Wesentliche konzentrieren.

 

Conor Oberst ‚Ruminations‘ ruminations

Zugegebenermaßen genießt Conor Oberst bei mir uneingeschränkte Narrenfreiheit. Seit vielen Jahren ist er meine große Songwriter-Liebe und mit seinen unzähligen Nebenprojekten hat er für mich ebenfalls immer ins Schwarze getroffen. Einzig zum 2011er Bright Eyes-Album ‚The People’s Key‘ fand ich nie wirklich Zugang.

Jetzt kehrt Oberst solo zurück. Minimalistisch instrumentiert – ein Kerl, ein Klavier, eine Gitarre, eine Mundharmonika (alles selbst eingespielt) – singt er sich mit teils stark zitternder Stimme die Gefühle aus dem Leib, klingt dabei so authentisch wie seit ‚Fevers and Mirrors‘ (2000) nicht mehr und hat vielleicht sein bestes Album seit ‚I’m wide awake…‘ (2005) eingespielt.

Ein langsames aber wirkendes Album. Sanft und doch voller Kraft. Immer leiser werdend und doch immer lauter nachhallend.
Am Ende möchte man es erneut hören. Und noch einmal. Und dann möchte man Conor Oberst umarmen und ihm zuflüstern: „Alles wird gut, Conor. Bestimmt.“

Liebe.

Anspieltipp: ‚Gossamer Thin‘ (Spotify)

 

awayOkkervil River ‚Away‘

Ja, auch Okkervil River sind ‚übliche Verdächtige‘, das neue Album jedoch ganz und gar unüblich.
Beim ersten Hören dachte ich, das einzige, was an Okkervil River erinnert, ist Will Sheffs unverwechselbar eigenwillige Stimme. ‚Away‘ ist sicher kein Konsens-Album, das jedem gefällt. Selbst langjährige Okkervil River-Fans tun sich schwer. (Wer die Band gar nicht kennt, sollte sich schnellstmöglich ihr Meisterwerk ‚Black Sheep Boy‘ anhören.)

Die Band ist zerfallen, Will Sheff trägt sie musikalisch zu Grabe – so lässt es der erste Track ‚Okkervil River R.I.P.‘ vermuten – und zelebriert gleichzeitig ihre Wiederauferstehung. Man findet keine Uptempo-Nummern, die Gitarre nur leise begleitend im Hintergrund. Und doch ist es ein Meisterwerk. Ein tieftrauriges. Ein Album zum ‚sich darin verlieren‘. Unbedingt mit Kopfhörern hören.

Anspieltipp: ‚Call Yourself Renee‘ (Spotify)

 

 

hamburg-demonstrationsPeter Doherty ‚Hamburg Demonstrations‘

Schau an, schau an, der Peter…
Nachdem im vergangenen Jahr ‚Anthems of Doomed Youth‘ der Libertines ganz weit oben in meiner Best-of-Liste landete, hat er es in diesem Jahr auch solo geschafft.
Weniger rotzig, sehr sauber produziert – Normalerweise würde mir das wohl eher missfallen, dieses Album ist aber ziemlich nah an der Perfektion und Doherty so aufgeräumt wie schon lange nicht mehr. Ein tiefenenspanntes, schön-schnoddriges und für Doherty seltsam berührendes Album.

Anspieltipp: ‚Oily Boker‘ (Spotify)

 

teens-of-denialCar Seat Headrest ‚Teens of Denial‘

Hier nun die große Überraschung, der Plot-Twist unter den Top five, der es geschafft hat, zwei weitere ‚Usual Suspects‘ auf die hinteren Plätze zu verweisen.

Rotzfrech und mutig zitiert sich Car Seat Headrest durch die 90er Indie-Musikwelt und klingt dabei ein wenig nach Muttis Waschkeller und Garage, aber gleichzeitig ganz groß – nach Pavement oder Superchunk.

Hinter Car Seat Headrest steckt der gerade einmal 23jährige Will Toledo. Was er bisher auf die Beine gestellt hat, lässt sich nur mit einem ‚Wow!‘ kommentieren: In den vergangenen 6 Jahren hat Toledo 12 Alben eingespielt – die meisten in Eigenregie. ‚Teens of Denial‘ ist das 13. Album und nach dem 2015 erschienenen ‚Teens of Style‘ das zweite, das im Rahmen eines Vertrags mit Matador Records entstand.

Wer mehr über Car Seat Headrest (und die wirklich putzige Hintergrundgeschichte zum Bandnamen) erfahren möchte, sollte sich folgenden Beitrag zu Gemüte führen:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/indie-rock-von-car-seat-headrest-die-richtigen-menschen-die-falschen-drogen-1.2996595

Das weitere Dutzend Alben findet ihr hier: https://carseatheadrest.bandcamp.com/music

Und warum landet ‚Teens of Denial‘ nun in meinen Top 5?
Es ist diese unverschämte Jugendlichkeit, die einen wünschen lässt, man wäre noch einmal 16 und würde mit einem Dosenbier in der Hand auf dem versifften Sofa im Proberaum rumhüpfen.

Herzlichen Dank dafür, lieber Will Toledo.

Anspieltipp: ‚Destroyed by Hippie Powers‘ (Spotify)

 

DIE Überraschung des Jahres.

 

i-had-a-dreamHamilton Leithauser & Rostam ‚I had a dream that you were mine‘

Leithauser, Leadsänger der New Yorker Indie-Rockband ‚The Walkmen‘, hat sich für sein neuestes Projekt mit Vampire Weekends Multiinstrumentalisten und Universalgenie Rostam Batmanglij (ja, da steckt Batman im Namen, hihihi) zusammengetan und das Ergebnis ist überwältigend. Mit Leichtigkeit reisen die beiden ungleich scheinenden Musiker, die doch wie Arsch und Eimer harmonieren, durch mehrere Dekaden der Musikgeschichte.

Folk, Soul, Boogie, Doo-Wop, Walzer… die Kreativität kennt kaum Grenzen. Irrwitzige Tempo- und Stilwechsel innerhalb einzelner Songs, die allesamt unfassbar gut instrumentiert sind. So kommt zum Beispiel ‚Peaceful Morning‘ stellenweise wie ein 20er Jahre Ballroom-Chanson daher, nur um in pubtauglichem Folk-Chorus zu enden.
Und doch wirkt ‚I had a dream that you were mine‘ nie zu gewollt, zu experimentell oder aufgesetzt, sondern ist immer auf den Punkt.
Eine stimmige, feine Überraschungstüte, die zu begeistern weiß. Ein Album, das man kaum in eine Schublade stecken kann, lässt man sich aber darauf ein, wird man wirklich belohnt.
Volltreffer. Hut ab!

‚I use the same voice I always have‘, singt Leithauser im famosen ‚Sick as a Dog‘.
Hell yeah, you do. But it never sounded so good.

Anspieltipp: ‚Rough Going (I Won’t Let Up)‘ (Spotify)

 

Lobende Erwähnung.

 

cleopatraThe Lumineers ‚Cleopatra‘

‚Wow, die haben Eier!‘ – war mein erster Gedanke, nachdem ich ‚Cleopatra‘ hörte. Gänzlich ohne Erwartungen habe ich mich auf das Nachfolgewerk des doch recht massen- und radiotauglichen Debütalbums eingelassen und wurde mehr als positiv überrascht. Nach der großen medialen Aufmerksamkeit des Mitgröhl-Hits ‚Ho Hey‘ in 2012 hätten die Lumineers locker ein glattproduziertes, stadionfüllendes Folkpop-Album aufnehmen können.
Doch ‚Cleopatra‘ überrascht mit aufs Wesentliche konzentrierten, in sich gekehrten Liedern. Leise, gefühlvoll, zurückgenommen – und doch sehr selbstbewusst. Es scheint fast so, als wolle man sich der ganz großen Karriere verweigern. Und das klingt erstaunlich gut.

 

jack-whiteJack White ‚Acoustic Recordings 1998 – 2016‘

Mehr eine akustische Reise in die Vergangenheit als ein Best-of.
Die ganz großen Hits fehlen (zum Glück!), eine Überraschung bleibt beim Hören aus. Trotzdem ist ‚Acoustic Recordings‘ in meinen Augen kein Sell-out-Album. Auch wenn viele Musikjournalisten die mangelnde Originalität kritisieren oder den Sinn des Releases hinterfragen, bin ich mir sicher, dass ‚Acoustic Recordings‘ in zehn oder zwanzig Jahren als Referenz herbeigezogen und gefeiert wird. Ich feiere es jetzt schon.

 

hope-six-demolitionPJ Harvey ‚Hope Six Demolition Project‘

‚Hope Six Demolition Project’ entstand auf/nach Reisen nach Afghanistan, in den Kosovo und nach Washington. Was das Album so einzigartig macht, sind die strikt beobachtenden, niemals wertenden Texte. Journalismus in Musikform. Vielleicht mag in den Texten an der einen oder anderen Stelle die Empathie fehlen, die man sonst von PJ Harveys Songs gewohnt ist. Doch die quasi als Reisetagebuch-Soundtrack agierende, famose Instrumentierung fängt dies gekonnt auf und verleiht den objektiven Texten die passende Emotionalität. Spannend.

 

schmilcoWilco ‚Schmilco‘

Zu ‚Schmilco‘ muss ich nicht viel schreiben, sondern verweise an dieser Stelle auf die Rezension ‚Schmunderbar!‘ von Jeremias Heppeler, der ich mich vollumfänglich anschließen möchte.

 

 

 

Enttäuschung des Jahres.

Bloc Party ‚Hymns‘

Ach Bloc Party, wir hatten eine schöne Zeit…

Ich liebe Kele Okerekes Stimme. Begnadet, warm, anders.
‚The Prayer’ ist nach wie vor ganz weit oben in der Liste meiner Lieblingssongs – für mich fast schon eine Hymne.

Als ich aber das erste Mal in das aktuelle Machwerk reinhörte, ließ es mich kopfschüttelnd zurück. Von der Energie und Kraft der frühen Alben ist rein gar nichts mehr übrig geblieben. Stattdessen vernimmt man wabernden Synthie-Pop, überflüssige elektronische Spielereien, belanglos wie ein Zweifuffzig-Döner, der nicht schmeckt, nicht sättigt und zudem auch noch nervt, weil einem die klebrige Fertig-Salatsoße über die Hände läuft.
Und die Texte… pseudoreligiöses Erkenntnisgeschwurbel, esoterisch anmutende Phrasen auf Kalenderspruchniveau. Neben Mando Diao nun leider ein weiteres Beispiel für die Coldplayisierung der Indie-Musik.

Schade. Einfach nur Schade.

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