Die besten Alben 2017.

 

Was ist bloß aus den Punks geworden?
Alle machen Webdesign“

 

 

Ach, ach, 2017… ich tu mich schwer mit dir.
Politisch. Persönlich. Und musikalisch.

Ich blicke zurück auf das Jahr und die hohen Erwartungen, die – gemessen an 2016 – nicht mal wirklich hoch waren. Weltpolitisch warst du eine mittelschwere Katastrophe, persönlich (bis auf einige strahlende Momente) ein schwarzes Loch. Und musikalisch? Stets bemüht.

2017, du warst ein Jahr der tollen Songs und mittelprächtigen Platten.
Auf viele habe ich mich gefreut, fast alle haben mich als Gesamtpaket enttäuscht.

Da waren QOTSA oder die Beatsteaks, die einzelne Mördersongs auf sonst eher mittelmäßigen Alben haben. Liam und Noel sind den 90ern nie wirklich entwachsen und stecken wie rotzige Gören auf der ‚ich bin aber viel cooler als du’–Wippe fest, für die sie mittlerweile zu alt geworden sind. Die Foo Fighters haben es gar geschafft pure Vorhersehbarkeit und Langeweile zu vertonen. Und dann war da noch Lana. Lana ‚Baldrian‘ Del Rey, die ich in homöopathischen Dosen sehr wohl schätze und auch genieße, das gesamte Album aber kaum hören kann, ohne in komatösen Dornröschenschlaf zu fallen. Und (spätestens jetzt werden wohl die ersten Äxte geschliffen) The National, die mit ihrem zu gewollt hippen ‚Sleep Well Beast‘ zum elektromelodischen Seniorentanztee für Indiefans bitten. Entschuldigung. Aber das ist – auch hier mit wenigen Ausnahmen wie dem grandiosen ‚Turtleneck‘ – gepflegte Langeweile. Immerhin auf hohem Niveau. (Packt jetzt bitte die Äxte wieder weg. Danke.)
Selbst Conor Obersts ‚Salutations‘ hat es nicht in meine Favoriten geschafft (Skandal!), zu wenig hat es mich im Vergleich zum letztjährigen ‚Ruminations‘ berührt.

Und so sind es nicht die großen, erwartbaren Namen, die hier heute auftauchen, sondern großartige Überraschungen:

 

Ehrenurkunde.

 

Vagabon ‚Infinite Worlds‘

Die in Kamerun geborene Laetitia Tamko liefert mit dem gerade mal knapp halbstündigen, komplett selbst eingespielten ‚Infinite Worlds‘ wohl eines der ehrlichsten und authentischsten Alben des scheidenden Jahres ab.

Eine afrikanischstämmige Frau. In der weißen, männlichen Welt des Indie-Rock. Allein das verdient drölfzig Ausrufezeichen und allen Respekt. Doch da ist so viel mehr.

Tamko beeindruckt mit fragiler aber gleichzeitig kraftstrotzender Stimme und direkten, bauchgefühligen Texten ohne viel Spielraum für Interpretationen. Ihre Songs kreisen um das Thema ‚Sich fremd und klein fühlen und trotzdem irgendwie seinen Platz finden‘. Räumlich, emotional, gesellschaftlich. So sieht sie sich als ’small fish‘ inmitten von Haien, die alles hassen und fressen wollen. Mit den Zeilen „No longer yearn to be gentle and pure and sweet. Not intimidating, yet sure“ gibt sie aber wenig später eine starke, selbstbewusste Laufrichtung vor.
Das ist Musik, die in der Wunde bohrt, um zu beweisen, dass da noch was ist und dass es weitergeht. Weil es eben weitergehen muss. Weil man selbst dafür verantwortlich ist, sich seinen eigen Platz im Leben zu schaffen. Ein wichtiges Album. Für mich die Entdeckung des Jahres.

Anspieltipp: ‚The Embers‘

 

Sorority Noise ‚You’re not as ____ as you think‘

Ein hübsch sonniges Albumcover, agile Menschen unter strahlend blauem Himmel… nichts täuscht mehr als das Artwork von Sorority Noises neuem Album. Feel-Good-Sonnenschein? Nix da! Geschont wird der Hörer nicht, die tieftraurig-grübeligen Texte gehen schwer an die Nieren. Musikalisch allerdings ist hier – neben einfühlsamen, stillen Passagen – insgesamt ordentlich Energie am Werk und spätestens zur Mitte des Albums lassen Sorority Noise keinerlei Lethargie mehr zu. Gerade dieser Kontrast macht ‚You’re not as ____ as you think‘ so unglaublich spannend.

Und dann ist da noch diese verfluchte Leerstelle. Die klaffende Lücke im Albumtitel, mit der Sorority Noise dem Zuhörer den Ball zuspielt, selbst etwas aus dieser Widersprüchlichkeit zu machen. Bist du gar nicht so verzweifelt, wie du denkst? Ist alles gar nicht so schlimm? Oder bist du verletzlicher, als angenommen, gar nicht mal so stark und cool?

Der letzte Song ‚No Room‘ ist ein verrauschter, nicht einzuordnender Abschluss, der einen vielleicht ratlos zurücklässt. Oder eben auch nicht. Hier ist der mündige Hörer selbst gefordert zu entscheiden, welche Erkenntnis er aus ‚You’re not as ____ as you think‘ mitnimmt.
Diese Antwort bleibt die Band schuldig.
Mutig.

Anspieltipp: ‚A Better Sun‘

 

Fortuna Ehrenfeld ‚Hey Sexy‘

‚Hey Weirdo‘ war mein erster Gedanke, als ich Martin Bechler aka Fortuna Ehrenfeld diesen Sommer auf der Bühne des Fest van Cleef sah – In Pyjamas und mit Plüschpfotenhausschuhen und der allerfeinsten drauf-geschissen-Attitüde. Ich war amüsiert und fühlte mich bestens unterhalten. Zuhause ließ mich das Album – so ohne Arsch-auf-Eimer-Live-Gesamteindruck – nach dem ersten Hören dann aber eher kopfkratzend zurück. Nach dem zweiten fußwippend. Nach dem dritten nachdenklich. Nach dem vierten alles drei auf einmal. So saß ich verwirrt-amüsiert und interpretationswütig da, verliebte mich immer mehr in die Songs und habe versucht, mir einen Reim aus dem Gesamtwerk zu machen.

Spoiler: Es ist bis heute nicht gelungen. Aber ich versuche es immer noch mit viel Freude. Und genau DAS macht ‚Hey Sexy‘ aus: Es ist sexy. Also irgendwie. Auf eine sehr, sehr seltsame Art. Und wie sagt man so schön: „Wo die Liebe hinfällt…“

Lest unbedingt auch Steffen Eggerts Liebeserklärung an ‚Hey Sexy‘, er bringt es genau auf den Punkt.

Anspieltipp: ‚Das Letzte Kommando‘

 

  Cool American ‚Infinite Hiatus‘

Robust-rauhe Gitarrenriffs, stille, fast sanfte Momente, aber auch eingängige Melodien gepaart mit klassischen Slacker-Texten mit einem… nennen wir es ‚gewissen Grundpessimismus‘.

Aber ‚Infinite Hiatus‘ zieht nicht runter, ganz im Gegenteil: Es umarmt einen.
Wenn eh schon alles kacke ist, wieso nicht einfach Spaß haben? Genau so klingt das. Überraschend gut(tuend) und tatsächlich auch irgendwie tröstend.

Ein Sommerabend-Abhäng-Album. Ein, zwei Bierchen mit guten Freunden dazu und gut.
Wer die frühen, weniger glattgebügelten Weezer mag, wird dieses Album lieben.

Anspieltipp: ‚Maui’s‘

 

 

Siegerurkunde.

 

Kettcar ‚Ich vs Wir‘

Kettcar… ich liebe euch. Wirklich. Ihr wart mein Live-Highlight 2017. Und ihr wäret beinahe ganz, ganz oben gelandet mit eurem tatsächlich großartigen ‚Ich vs Wir‘.

Allein für ‚Mannschaftsaufstellung‘ habt ihr alle Liebe auf Erden verdient.

Wir bilden eine Mauer, machen alle Räume dicht
Mit einem Populisten, der durch die Abwehr bricht
Ein‘ Stammtischphilosophen am rechten Außenfeld
Die Doppelsechs, die alles Fremde ins Abseits stellt

Einen Nationalisten als hängende Spitze
Zwei, drei Mitläufer für rassistische Witze
Für die Standards eine, die zuschlagen kann
Und die schweigende Mehrheit als zwölfter Mann

Der Song gipfelt in der Aussage ‚Liebling, ich bin gegen Deutschland‘.

Diesen Satz möchte man laut brüllen, wenn all die Giesingers und Bouranis uns im Sommer, wenn wieder ein hurrapatriotisches Fahnenschwenkevent ins Haus steht, massenkompatibelsülzig in einen großen schwarzrotgolden-aufgesetzten Miteinander-Wohlfühl-Topf werfen wollen. Man will ihn auf Transparenten lesen, ihn sich auf Shirts drucken lassen…

Ach Kettcar.
Ihr habt mich abgeholt. Total. Aber dann habt ihr mich stehenlassen.
An einem Punkt, an dem ich das dringende Bedürfnis hatte, ein altes …But Alive-Album zu hören. Was ich auch tat. Und das ist gut so.

Ich liebe euch einfach weiter. Versprochen.

Anspieltipp: siehe oben 😉

 

Wolf Parade ‚Cry Cry Cry‘

Was ein manisches, ambitioniertes Album! Nach sieben Jahren Funkstille haut das kanadische Quartett ein Album raus, das musikalisch ganz schweres Geschütz auffährt und geradlinigen Rock mit schrägen bis pompösen elektronischen Melodien vereint. So fühlt man sich an Modest Mouse, Arcade Fire aber auch an Bowie und manchmal ein klein wenig an the Cure erinnert und irgendwie ist es aber doch ganz anders. Das Album ist zu poppig um Rock zu sein, zu freakig um Pop zu sein, aber es zieht einen komplett in den Bann. So muss das!

Anspieltipp: ‚Valley Boy‘

 

Courtney Barnett & Kurt Vile ‚Lotta Sea Lice‘

Da kam zusammen, was zusammenkommen musste:
Die australische Songwriterin Courtney Barnett und ihr amerikanischer Partner-in-Crime Kurt Vile, früheres Mitglied von The War on Drugs. Ein musikalisches Traumpaar.
Lässigst palavern sich die beiden durch das gesamte Album, das wie eine einzige große Unterhaltung wirkt, für die das Wort ‚Harmonie‘ erfunden worden zu sein scheint, covern sich gegenseitig und schließen das Album mit einer gelungenen Version des Belly-Songs ‚Untogether‘.
Der Rolling Stone schrieb über die famose Paarung „’Unaufgeregt‘ wäre noch eine Übertreibung für diese beiden Meister des Understatements“. Wie schön unaufgeregtes Understatement doch sein kann…

Anspieltipp: ‚Over Everything‘

 

BNQT ‚Volume 1‘

BNQT ist ein ‚Supergroup‘-Projekt, welches der Midlake-Frontmann Eric Pulido ins Leben gerufen hat. Die Musiker, die er für BNQT um sich schart, sind keine Unbekannten: Mit dabei sind Alex Kapranos von Franz Ferdinand, Fran Healy von Travis, Ben Bridwell von Band Of Horses und Jason Lytle von Grandaddy.

Bei den Namen führte schon die Ankündigung des Albums zu Herzrasen. Die Handschrift der einzelnen Bandmitglieder ist den jeweiligen Songs auch deutlich anzuhören.
Das ist nicht unspannend, aber wie das eben manchmal so ist mit zu vielen Köchen… Nein, der Brei ist kein Brei und bei weitem nicht verdorben, insgesamt wurde dann aber doch etwas zu oft nachgesüßt, statt anständig zu würzen. Nichtsdestotrotz ist ‚Volume 1‘ ein spannendes, eben weil abwechslungsreiches Album, bei dem man sich aber erwischt, je nach Laune und Gefühlslage auch mal den einen oder anderen Song zu skippen um ihn später dann doch wieder gerne zu hören. Wie bei einem guten Sampler eben.

Anspieltipp: ‚Restart‘

 

Iron & Wine ‚Beast Epic‘

„Moooment! Schrob sie nicht irgendwo oben, das neue The National-Album sei insgesamt langweilig? Und dann taucht ausgerechnet Iron & Wine auf der Liste auf?“ Berechtigter Einwand.
Aber: ‚Beast Epic‘ versucht erst gar nicht, etwas zu sein, was es nicht ist. Es versucht nicht hip zu sein. Ein ehrlich-schönes, dahinplätscherndes Folk-Gitarren-Album das ist, was es ist. Nämlich schön. Punkt.

 

Anspieltipp: ‚Claim Your Ghost‘

 

Nachträglich disqualifiziert.

PWR BTTM ‚Pageant‘

Musikalisch ein Schwergewicht. Einfallsreich, bunt, laut, grandios. Queer-Punk vom Allerfeinsten. Eigentlich eines meiner Lieblingsalben in diesem Jahr. Doch nachdem gegen ein Bandmitglied schwere Vorwürfe der sexuellen Belästigung laut wurden, kann ich es nicht mehr guten Gewissens hören.

 

 

Einzelwertung.

Weil ich ja große Töne gespuckt und behauptet habe, es sei eher ein Jahr der großen Songs gewesen, habe ich noch eine kleine, feine Playlist zusammengestellt, auf der sowohl die Anspieltipps der hier aufgeführten Alben, als auch andere feine Lieder des Jahres zu finden sind.

Ja, auch The National.

 

 

Viel Freude.

 

 

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