Die besten Alben 2018.

 

Brace, Brace
I must try harder in every way
Try to embrace the change

With grace, we’ll see
There’s no such thing as pathetic empathy
I’m still learning how to be

 

Ich möchte mich eigentlich gar nicht über das Jahr 2018 an sich auslassen. Kann langsam echt weg.

Eine Anmerkung darf und kann ich mir aber leider nicht verkneifen: In diesem Jahr wird es aus Datenschutzgründen leider keine Einbindung von Spotify-Playlists oder YouTube-Videos geben (Ja, auch den Scheiss hast DU gebracht, 2018). Alle Alben sind aber auf Spotify verfügbar und sicher findet ihr auch das eine oder andere feine Video bei YouTube, Vimeo und so weiter. Ihr müsst euch nur eben selbst drum kümmern. Die älteren Beiträge habe ich zunächst mit einem Passwort versehen, das gerne abgefragt werden kann.

So. Genug jetzt. Kommen wir endlich zur Musik, denn darum soll es ja nun schließlich gehen, nech?

Musikalisch hatte ganz klar die erste Jahreshälfte die Hosen an. Enttäuscht haben im Laufe des Jahres vor allem (und leider einmal mehr) die ‚Altbekannten‘. Komplettes Unverständnis meinerseits für das neue Ding der Arctic Monkeys, Richard Ashcroft ist nur noch eine Karikatur seiner selbst, das neue Album klingt wie ausgelaufene Flüssigseife mit Vanilleduft. Die von mir eigentlich hoch geschätzten Reef muss ich an dieser Stelle leider auch erwähnen. Hauen nach gefühlt drölftausend Jahren ein Album raus, das in seinen besseren Momenten das SWR1-Mittagsprogramm dominieren könnte – passend zum nachweihnachtlichen Verdauungsnickerchen. In den schlechten Momenten klingt es gar wie ein AC/DC-Abklatsch. Sehr schade.

Und dann ist da noch diese Leerstelle. Das versprochene Libertines-Album, welches eigentlich schon fürs Frühjahr angekündigt war, ist nun selbst zum Jahresende noch nicht fertig. Ob das ein gutes Zeichen ist? Wer die etwas komplizierte Bandgeschichte kennt, wird mir zustimmen, wenn ich befürchte: wohl eher nicht.

‚Quantitativ enttäuschend, qualitativ herausragend’ würde wohl mein Fazit für das musikalische 2018 lauten. Wenige durchgängig gute Alben, die dafür aber extrem gut.
Was all diese Alben gemein haben, ist Originalität. Keines davon ist einfach nur solide. Alle haben mich auf unterschiedliche Art und Weise sehr bewegt. Alle vier sind hinsichtlich des Songwritings und Storytellings überragend und stechen musikalisch klar aus dem 2018er-Brei heraus.

Ah… noch eine kleine Warnung: Ich musste mich sehr zusammenreißen, es kurz – nuja, eher mittellang – zu halten. Insbesondere beim letzten der Glorreichen Vier könnten die Pferde mit mir durchgehen, wenn ich sie denn ließe. Aber dazu vielleicht einmal mehr an anderer Stelle.

Und hier sind sie, die Besten: Vier völlig unterschiedliche Alben. Vier wahre Schätze des scheidenden Jahres, bei denen ich auf eine weitere Rangfolge verzichte und sie alphabetisch aufführe.

 

Ehrenurkunde.

 

Ezra Furman ‚Transangelic Exodus‘

 

When my darling grew wings
And the government came for us
We lived in a red Camaro
When your body’s illegal
And the people sworn to protect you
Refuse to protect you
One may have to re-draw the map
That once represented home
And perhaps this
Was always waiting to happen
Perhaps we were always
marked for outlawhood
Ever since we were kids
Ever since we fell in love the wrong way
And the exodus began

So führt Furman im Booklet den Hörer in das Setting des neuen Albums ‚Transangelic Exodus‘ ein. Er erzählt die Geschichte einer Flucht, gemeinsam mit seinem Lover, einem Engel, als Sinnbild für die Ausgrenzung und Verfolgung aller ‚Nichtangepassten‘. Furman selbst beschreibt das Album als „a combination of fiction and a half-true memoir. A personal companion for a paranoid road trip. A queer outlaw saga.“ Abgefahren. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ezra Furman hat in den vergangenen zehn Jahren sechs Alben aufgenommen. Angefangen mit eingängigem NY-Rock wurde seine Musik in den folgenden Jahren immer vielschichtiger und unberechenbarer. Mit ‚Transangelic Exodus‘ hat er sich nun selbst weit übertroffen.

Schon der erste Song ‚Suck the Blood from my Wound‘ hatte mich nach nur zwei Takten. Ein unglaublich kraftvoller Opener, der von einem Krankenhausausbruch erzählt, von blutenden Flügeln, und einem Fluchtplan in Richtung Freiheit

Angel, don’t fight it
To them you know we’ll always be freaks.

Wider der Angepasstheit! Lass dir nicht die Flügel stutzen. Wir sind, wer wir sind. Und wenn wir das hier nicht sein können, müssen wir weg. Weit weg.
Es geht um Akzeptanz und Selbstbestimmung. Getrieben von Wut und Angst, die oft durchklingen, aber stets fest entschlossen.

Furman schließt den Song mit einem Zitat aus Shakespeares ‚Romeo und Julia‘ – ein wütend und wiederholt geschrienes ‚The plague on both your houses‘. Nach eigener Aussage ein politisches Statement. Von der einen Seite als Posterboy missbraucht, von der anderen Seite diskriminiert und verfolgt.

Das trotzige, fast giftig wirkende ‚Driving down to LA‘ und das wütende ‚No Place‘ sind die stärksten Tracks des Albums. Letzterer ist ein rauer, treibender Song, der im hoffnungslos klingenden Refrain zur Ruhe kommt, nur um dann in der wütenden Conclusion ‚This world is no place at all‘ zu münden.

How long will we babble on in exile
Babble on in exile
Something tells me I may be
Singing this song a long, long while
But I’ll be bringing along a big broad smile
To wear as I walk that final long mile
Back to the city where they broke my Heart wide open bleeding on the marble Tile

‚Babble on in exile‘ ein homophones Wortspiel, mit dem sich Furman auf das Babylonische Exil der Israeliten bezieht, die der Überlieferung nach fröhliche Lieder für ihre Peiniger singen mussten.

Während der Engel hier nie als religiöse oder gar esoterische Figur wahrgenommen wird, ist Religion in ‚Transangelic Exodus‘ trotzdem ein immer wiederkehrendes Thema. So zollt der gläubige Jude Furman Gott in dem ruhigen ‚God Lifts Up the Lowly‘ seinen Respekt und sieht ihn als Beschützer auf ihrer Reise ins Ungewisse. Er schließt den Text gar mit hebräischen Versen.

Furman ist eine Wundertüte. In jeder Hinsicht. ‚Transangelic Exodus’ ist toll erzählt, gewitzt komponiert und verweigert sich konsequent jeder Schublade.
Stellenweise klingt Furman wie PJ Harvey auf Speed, dann wieder ein wenig wie Rufus Wainwright. Nach den Violent Femmes oder Lou Reed. Da trifft Bowiescher Glamour auf Jack Whites Ruppigkeit.
Es ist ein Fest.

Tanzbar, bunt, glamourös und doch dreckig.
Opulent und doch rau und erdig.
Wütend und doch zart.

Ein schrilles Roadmovie, wie ein verrückter Traum. Ein Album in dem viel passiert, dass es zu entdecken gilt.

A song is a dream that keeps going on when it’s over

 

 

 

Mastersystem ‚Dance Music‘

 


Irreführung? Eins mit Sternchen.
Wer bei dem Bandnamen ‚Mastersystem‘ irgendwas Elektronisches und beim Album ‚Dance Music‘ tatsächlich Tanzbares erwartet, hat sich ganz schön geschnitten.
Vier Mitglieder verschiedener Bands treffen sich, um allein aus Liebe zur Musik ein Album einzuspielen, dass ihrer Vergangenheit Respekt zollt, ohne die Gegenwart aus dem Blick zu verlieren. Ganz simpel eigentlich. Mit Gitarren, Bass und Schlagzeug. Das war’s dann auch schon. Eine wunderbar altmodische Abwesenheit von Synth-Sound und Computergefrickel.
Scott und Grant Hutchison (Frightened Rabbit), Justin Lockey (Editors) und James Lockey (Minor Victories) haben im Jahr 2018 genau DAS Album aufgenommen, auf das ich als schon immer gitarrenaffines Kind der 90er-Musik im neuen Jahrtausend lange warten musste.
A blast from the past.

Ich habe das Album im April kurz nach Release entdeckt, war sofort verliebt und habe dies beim Hören auch immer wieder laut quietschend kundgetan. Pure Begeisterung. Was ein Wurf.
Mitte oder Ende der 90er veröffentlicht, wäre es sicher auch kommerziell ein Megaerfolg geworden. Denn genau dorthin trägt es einen beim Hören.
Was die diversen Einflüsse betrifft… ich könnte hier locker ein halbes Dutzend der großen Namen von ‚Damals’ aufzählen, die hier sicherlich Pate standen.

Aber macht euch bitte selbst ein Bild. Geht selbst auf Zeitreise. Es lohnt sich.
Dance Music’ ist der musikgewordene DeLorean aller Grunge- und Alternative-Fans.

Trotz dieses musikalischen und emotionalen Flashbacks klingt ‚Dance Music’ taufrisch, energiegeladen und vielversprechend. NME fasste dies mit den Worten ‚Free of vanity and wankery‘ perfekt zusammen, clashmusic schreibt ‚Almost adolescent in tone, it’s an expression of those years spent dwelling in sacred bedrooms, listening to Sub Pop’s initial catalogue at ear-splitting volumes, while their parents banged on the door‘.

Ein ehrliches, erdiges, fast knorriges Album, das ganz ohne Firlefanz auskommt, aber nie – nicht an einer einzigen Stelle – langweilig ist. Da ist das kathartisch-wütende ‚The Enlightenment‘, das spannungsgeladen-wabernde, von der Bassline getriebene ‚Teething‘, der für mich herausragende Track ‚Old Team‘, das epische ‚A Waste of Daylight‘, welches enormes Ohrwurm- und Hitpotential hat… man findet schlicht keinen einzigen ‚Filler‘. Was ein rundes, wundervolles Album!

Kommen wir zum zweiten, weit weniger schönen Teil des Gesamtbilds.
Scott Hutchison betonte in einem Interview mit NME, das Album sei „about drifting and feeling a little bit lost. It’s about feeling disappointed in one’s self to have reached the age that I am and still having not figured shit out. It was also quite spontaneous and quick. I didn’t want to overthink things, because that’s the spirit of the music that I was given – this is music to be enjoyed and not overthought too much.“

Die Texte sind düster.
Im Nachhinein und mit schärferem Blick muss man nicht unbedingt in Psychologie promoviert haben, um zu erkennen, was in Scott Hutchison brodelte.
„Just for the fun of it“ mag musikalisch wahr sein, getrieben von einem Anfall an Nostalgie. Und ja verdammt, das macht großen Spaß. Die Texte allerdings lassen einen weit mehr als nur einmal kräftig Schlucken.

Allein das famose ‚Bird is Bored of Flying‘ lässt kaum Spielraum für Interpretationen, auch ohne „overthinking“:

There’s such a place as too far
There’s such a thing as too much
And we all want fire until it burns
We all want more until it starts to hurt

Do you wonder why
The bird is bored of flying
Still, it sings
Shoot it down
And pull the wings out
I am waiting
Shoot it down
With copper bullets
I am waiting

Because we all want fire until it burns
Cause we all want more until it starts to hurt

(…)

And I’ve come as far as I can go
Close enough to know
Bird is bored
Bird is bored
Bird is bored, bored of flying

So schließt ‚Dance Music‘.

Einen Monat nach der Veröffentlichung schrieb Scott Hutchison zwei besorgniserregende Tweets und verschwand. Seine Leiche wurde kurz darauf geborgen.

In ‚Waste of Daylight‘ singt Hutchison „In the race to lose, I’m winning’.
You won, Scott.
What a goddamn loss.

 

Jeff Rosenstock ‚POST-‚

 

 

 

What’s the point of having a voice?
What’s the point of having a voice
when it gets stuck inside your throat?

Rosenstock der olle Tausendsassa ist extrem angepisst und hat uns etwas mitzuteilen. Natürlich mit einem großen Knall. Aufgenommen innerhalb einer Handvoll Tagen, veröffentlicht – ohne die Presse vorab zu informieren – am verkatert-schläfrigen Neujahrsmorgen 2018. Überraschung!

Das Album startet mit einem siebeneinhalbminütigen (!) Wahnsinn namens ‚USA‘:

Dumbfounded, downtrodden and dejected.
Crestfallen, grief-stricken and exhausted.
Trapped in my room
while the house was burnin’
to the motherfuckin’ ground.

Gitarren bitte! Jaaaa, reichlich davon. Aber… Moment… Was ist das?
Power-Pop-Chords? Synthesizer? CHEERLEADING-CHÖRE? Laut! Nein…Leise!
„Don’t mess with me, Jeff. Please!“ möchte man schreien. Nicht weil es nervt, sondern weil es fast unerträglich viel Spaß macht.
Großes Kino ist das! Rosenstock arbeitet sich textlich und mit musikalischen Mitteln an der gesellschaftlichen Paranoia in der Trump-Ära ab und schließt den Song mit einem wütenden

We’re tired, we’re bored
We’re tired, we’re bored
Et tu, USA
Et tu, et tu, USA

was dahergenuschelt übrigens sehr nach ‚the tired, the poor‘ and ‚F.U. USA’ klingt.
Clever, Jeff. Clever. Und das ist erst der erste Song, verdammt!

Es folgt das grandiose ‚Yr Throat‘, für mich das Highlight des Albums. eine feine, nicht minder wütende, extrem mitgrölbare Uptempo-Nummer. und so geht es dann auch nahtlos weiter.

Einzig der hymnische Pop-Song ‚TV Stars‘ fällt aufgrund seiner leichten nada-surfigen cheesiness musikalisch ein klitzekleinwenig ab (manch einer möge behaupten, es wäre ein ‚Hit‘), es passt aber auch hier wieder hervorragend zu den Lyrics und wer ein Gesamtbild zeichnen will, kommt eben auch daran nicht vorbei. Nur konsequent.

Denn genau hier liegt Rosenstocks Stärke: Punkrock gekonnt vermischt mit verschiedenen Genres, teils schmerzbefreit unironisch, teils mit einem auffälligen Augenzwinkern.
Im Laufe des Albums muss man zwangsläufig an die Pixies denken. An die frühen Weezer. Bei aller Paranoia und Hilflosigkeit die einen aus den Texten förmlich anschreien, ist es ein Album, das sehr viel Freude macht.

„We’re not gonna let them win“ singen Rosenstock und seine Freunde im abschließenden Song, der mit fast zwölf Minuten ein ganzes Viertel der gesamten Laufzeit ausmacht. Ein versöhnliches Ende? Musikalisch auf jeden Fall. Textlich vielleicht einen Tick zu fatalistisch, endet der Song doch mit einem fade-out des Gesangs, gefolgt von sehr unwütenden, irritierend-beruhigenden Orgelakkorden. Und so lässt Rosenstock den Hörer dort zurück, wo er ihn am Anfang des Albums abgeholt hat: Wütend, aber seltsam betäubt. Schwankend zwischen Aggression und Resignation.

Das ‚älteste‘ Album des scheidenden Jahres ist eines seiner Besten und – auch wenn ich mit dieser Meinung eher in der Minderheit bin – besser als das 2016 hochgelobte und (natürlich zu Recht) gefeierte ‚Worry.‘. Warum? Weil es insgesamt mutiger ist, weit weniger catchy, mit weniger Zuckerguss auskommt, einige unerwartete Tricks im Ärmel hat und der heutigen westlichen Gesellschaft gekonnt den Spiegel vorhält, ohne mit erhobenem Zeigefinger Lösungen präsentieren zu wollen.

 

 

 

Typhoon ‚Offerings‘

 

Listen,
of all the things you’re about to lose,
this will be the most painful.

 

Mit diesem gesprochenen Satz wird ‚Offerings‘ eröffnet. Was folgt, ist eine knapp 70-minütige, sehr bedrückende Geschichte über einen Mann, der mit dem Verlust seines Gedächtnisses und seiner daran geknüpften Identität kämpft.

Au revoir my little memories
Tell me: This is not your loss, this is your offering.

So die letzten Worte des Openers „Wake“, der die unumkehrbare Selbstdekonstruktion des Protagonisten einleitet.

Das Album ist in vier ‚Movements‘ oder auch Kapitel unterteilt:
‚Floodplains‘, ‚Flood‘, ‚Reckoning‘, und ‚Afterparty‘, jedes davon stellvertretend für die jeweilige mentale Phase der Hauptfigur.

Die vorab veröffentlichten Single ‚Rorschach‘ ist eigentlich ein klassischer Indie-Folk-Song, unterbrochen von akustischen ‚Störeffekten‘, die Hauptfigur bekommt zunehmend Probleme, Eindrücke zu verarbeiten und zuzuordnen.
‚Empiricist’ ist für mich der stärkste Track des Albums. Hier zeigt der Protagonist erste ernsthafte Anzeichen der Orientierungslosigkeit, was in dem über acht Minuten langen Track durch die gekonnte Rücknahme der Vocals bis hin zur Unverständlichkeit symbolisiert wird. Im nächsten Moment ist jedoch wieder alles klar, der Vergessende wird sich seiner Lage bewusst und wünscht sich zurück. Ganz an den Anfang, zu einer Version seiner selbst, die noch jungfräuliches, unbelastetes Bewusstsein besitzt.

Crescent moon
Hollowed out of all my fabled insides
Occam shave me down to primal truth—return me to the womb

in ‚Algernon‘, einem sehr ruhigen, intimen, spärlich instrumentierten Song, zeigt ihm seine Frau Bilder von seinem Vater und sich selbst. Seinen Vater erkennt er, sich selbst nicht, was ihn natürlich überfordert. Er versucht, die Situation zu überspielen und äußert, er warte auf seine Frau.
Die Frau, die ihm schon die ganze Zeit gegenüber sitzt.
Das schmerzt.

Das zweite Movement eröffnet ‚Unusual‘, ein Versuch, sich mit der Situation abzufinden. Hier merkt man musikalisch erstmals, dass man es mit einer bis zu elfköpfigen(!) Band zu tun hat.

Es gibt immer wieder Momente, in denen sich ‚Offerings‘ fast unbeschwert mit Rückblicken in Form von Erinnerungsfetzen auseinandersetzt.
So zum Beispiel das wunderschöne ‚Beachtowel‘, instrumentiert mit Gitarre und Klavier.
Gegen Ende driftet jedoch auch diese helle Erinnerung weg. Die Instrumentierung wechselt. Violinen und ein Glockenspiel setzen ein. Die Worte werden unverständlich. Wie ein aufziehendes Gewitter im Kopf, dass die klare Sicht raubt und alles verdunkelt. Eine Achterbahnfahrt, auch für den Hörer.

Der Prozess des Vergessens und der Verlust des ‚Ich‘ schreiten voran und münden in ‚Ariadne‘ in einem für das Album recht druckvollen Song, der gekonnt düstere und verspielte Elemente verbindet, vermischt und so das unvermeidliche Ende ankündigt. So endet Kapitel drei mit dem gesprochenen Satz, der das Album auch einleitete.

Das dreizehnminütige ‚Sleep‘, das vierte Movement, schließt das Album auf eine wunderbar versöhnliche Art und Weise ab. Ein Loslassen, das Ende eines kräftezehrenden Kampfes, der ultimative Moment der Erleichterung. Ein Epilog.

Harter Tobak. Ein Konzeptalbum, welches dem Hörer viel abverlangt. Aber keine Sorge – selten wurde dies so sehr belohnt. Kein Stück des Mosaiks ist unbedacht gelegt, kein einziger Ton wirkt überflüssig, kein Song beliebig.

Mal steht der Gesang und damit die Geschichte im Vordergrund, mal wird der Instrumentierung und dem eigenen ‚Kopfkino’ sehr viel Raum gelassen. Ruhig dahinfließende Momente wechseln sich ab mit disruptiven Geräuschkulissen und mächtiger Instrumentierung. Nun könnte man meinen „Elf Musiker? Viele Köche und so weiter?“ Nein. Ganz und gar nicht. ‚Offerings‘ ist immer auf den Punkt. Nie überheblich oder zu gewollt. Kyle Mortons Stimme, die mehr als nur einmal sehr an Conor Oberst erinnert, ist in ihrer Zerbrechlichkeit das ideale Medium um eine solche Geschichte glaubwürdig zu transportieren.

Offerings‘ ist nicht nur musikalisch spannend. Es hat eine cineastische Note. Und es ist ein literarisches Meisterwerk.
Nennt mich Nerd, aber die Texte liegen auf Totholz gedruckt und mit ziemlich vielen Notizen versehen hier auf meinem Schreibtisch.

Offensichtlichen Symbolcharakter hat das Wasser, angelehnt an den Fluss Lethe aus der griechischen Mythologie, der Fluss des Vergessens in der Unterwelt.
Auch Fellinis ‚Asa Nisi Masa‘ aus dem Film ‚8 1/2‘ zieht sich durch das gesamte Werk.
‚Asa Nisi Masa‘ ist ein italienisches Wortspiel mit dem Begriff ‚anima‘, der Seele. Im Film dient der Ausspruch als Katalysator für kindliche Erinnerungen, hier versucht der Protagonist sich mithilfe des Satzes an seine Erinnerungen zu klammern.

Aber auch Daniel Keyes stand Pate. Beckett. T.S. Eliot. Dante. Sartre. Die Bibel.
Filmisch fühlte ich mich an vielen Stellen an David Lynch erinnert.
Es gibt irrsinig viel zu entdecken, auch das macht ‚Offerings‘ so spannend.

Es fällt mir schwer, hier einen Track als ‚Anspieltipp‘ rauszupicken. Natürlich funktionieren z.B. die beiden Singleauskopplungen ‚Rorschach‘ und ‚Remember‘ auch eigenständig, aber eben lange nicht so gut, wie eingewoben in diese dunkle aber doch wunderschöne Geschichte.

Man sollte sich die Zeit nehmen, das Album bewusst in einem Stück durchzuhören. Idealerweise ohne Ablenkung und mit gleichzeitiger Lektüre der sehr gelungenen Texte.

So ist ‚Offerings‘ sicher kein einfach zugängliches Werk, erst Recht kein Album, dass man zu jeder Gelegenheit und in beliebiger Gemütsverfassung hören kann. Lässt man sich aber auf das Gesamtbild ein, wird schnell klar, dass Typhoon hier etwas ganz, ganz Großes, Tiefmenschliches und Außergewöhnliches geschaffen haben.

So long, my sweet.
Hope the next time that we meet
we’ll be whole,
we’ll be weightless,
we’ll be free.

 

 

und sonst so?

Hier sind weitere gelungene Alben, die mir in 2018 Freude bereitet haben.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und natürlich höchst subjektiv.

(Wer nach Typhoon noch bei der Stange ist, und dringend etwas Sonniges fürs Gemüt benötigt, dem sei insbesondere ‚Hardly Electronic‚ von The Essex Green ans Herz gelegt – ein leichtfüßiges Indie-Folk-Pop-Album zum ‚Wolkenvertreiben‘. Kleine Serviceanmerkung.)

Ex:Re – Ex:Re

IDLES – Joy as an Act of Resistance

The Essex Green – Hardly Electronic

Car Seat Headrest – Twin Fantasy

Shame – Songs of Praise

Courtney Barnett – Tell me how you really feel

Muncie Girls – Fixed Ideals

Stephen Malkmus & The Jicks – Sparkle Hard

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