Dorfkind.

Zu Anfang sei erwähnt, dass es hier nicht mal wirklich ein Dorf im klassischen Sinne war, sondern eine Kleinstadt.
Genau genommen zwei.
Zwei sehr kleine Kleinstädte.
Wir zogen irgendwann mal um. Aus Gründen, die nichts damit zu tun hatten, dass meine Eltern sich nicht wohl fühlten.
Aber als weißer Mittelschicht-Mensch ist es eben auch nicht ganz so schwer.

Meine Kindheit war echt okay. „Unbeschwert“ ist ein gern genutzter Begriff.
Ich konnte eine Kuh von einem Pferd unterscheiden, gängige Gemüsesorten benennen und durfte Traktor fahren, um das Dorfkind-Klischee mal zu bestätigen. Die Vorzüge des eher ländlichen Lebens liegen rückblickend auf der Hand: Rumtoben im Wald, in den Weinbergen, den ganzen Tag draußen, ein angstfreies „komm bitte nach Hause wenn es dunkel wird“.

Das änderte sich jedoch in der Jugend schlagartig. Wir wollten mehr.
Die große, weite Welt wartete da draußen und wir saßen zwischen Wald und Weinbergen fest.
Also nix wie raus.
Aber wie?
Ah… der Bus!
Der Bus, der in „die große Stadt“ (Kreisstadt, 120.000 Einwohner) fuhr.
Alle zwei Stunden.
Außer am Wochenende.
Oder spätabends.

Das war eine Weile spannend. Aber wir wurden älter und wollten auch mal ins Kino. Abends. Und neue Menschen kennenlernen. Menschen aus der Stadt. Also taten wir etwas, was in heutiger Zeit allen Eltern den Schweiß auf die Stirn und den Herzschlag nach oben treibt: Wir trampten. Heimlich, natürlich. („Ja Mama, XYs Mutter fährt uns und holt uns danach wieder ab.“) Daumen raus und irgendwer würde uns schon mitnehmen.
Rückblickend echt irre. Wir wurden mit so einigen Situationen konfrontiert, die ziemlich grenzwertig waren. Die üble Fahrweise des Führerschein-Frischlings, der sich Papas fette Karre geliehen hatte und nun damit angeben musste, die schlüpfrigen Fragen und Grabschereien des schmierigen Typen im Familienpassat, der Kindersitz noch auf der Rückbank.
Aber es ging ja alles gut.
Und was willste machen… Busse fuhren ja keine.
Und Kino, Kultur oder neue Menschen gab es aufm Dorf nicht.

Neue Menschen. Andere Menschen. Menschen mit anderer Hautfarbe. Menschen mit einer anderen Muttersprache. Menschen mit anderer Sexualität. Unangepasste Menschen mit bunten Haaren, Piercings und Tätowierungen.
Genau die hatten es nämlich schwer „aufm Dorf“.

Dorfkind war auch Tobi. Mein angestrengt nicht-schwuler, schwuler Freund Tobi. Der wahnsinnig hübsche, kluge Junge, dessen Eltern sich so sehr schämten, dass er jahrelang eine Rolle spielte. Dass er sich gezwungen sah, eingeweihte Mädchen als seine Freundinnen zu präsentieren. Der irgendwann immer trauriger und stiller wurde. Sich zurückzog. Und mit siebzehn die Koffer packte und spurlos aus unserem und dem Leben seiner Familie verschwand.
Ich hoffe, es geht dir gut, Tobi.

Dorfkind ist die Erinnerung an Günaydın, das türkische Mädchen, dem meine Mutter Deutsch beibrachte. Die jede Woche bei uns vor der Haustür stand, mit türkischen Backwaren und lieben Grüßen von „Daheim“ im Gepäck. Ein „Daheim“, welches nie wirklich eines war. Nach einer Weile zog die Familie in die Stadt, weil sie keinen Anschluss fand und sich nicht willkommen fühlte. Weil der älteste Sohn ständig Prügel einstecken musste.

Dorfkind war Anja, die trotz Gymnasialempfehlung auf die örtliche Realschule gehen musste, weil erstens übernimmt sie ja eh den elterlichen Kleinbetrieb und dafür reicht das und in der Familie hat auch sonst niemand Abi, erst recht keine Frau. Und zweitens, weil das Gymnasium ja in der Stadt ist und da sind ja die vielen „Kriminellen“ und „Türken“ und das versaut das arme Kind ja sicher. (Anja hat später rebelliert (Überraschung!), ihr Abi nachgeholt und irgendwas abgefahrenes mit Kunst studiert. In Berlin.)

Dorfkind war, in der Jugend ein politisches Bewusstsein zu entwickeln und sich zu fragen, weshalb die Republikaner in einer eigentlich sehr wohlhabenden Ecke im Südwesten der Republik Rekordergebnisse einfahren.

Dorfkind war, die Angst vorm „Fremden“ und dessen vermeintliche Konsequenzen hautnah mitzuerleben, obwohl dieses „Fremde“ im eigenen Umfeld faktisch nicht existierte.

Und heute? Etwa zwanzig Jahre später?
Marode Schwimmbäder, geschlossene Schulen und Büchereien, noch weniger Kultur und fehlende digitale Infrastruktur treiben noch mehr Jugendliche in die Städte.

Aus den „Türken“ wurden „die Araber“ und dann „die Flüchtlinge“, aus den Republikanern wurde die AfD.

Und der Bus?
Der fährt noch.
Alle zwei Stunden.
Außer am Wochenende.
Oder spätabends.

Jetzt du, Julia.

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