„Hurra, ich funktioniere!“ – Das fragwürdige Mütterbild der Firma Wick

Eine Frau im Business-Outfit betritt mit roter Schnupfennase das Zimmer ihrer kleinen Tochter und sagt „Ich muss mich heute leider krank melden“.

Lustig. Haha. Selten so gelacht.

Aber es kommt noch besser.
Hier das Video:

 

Mama – natürlich auch zu Hause perfekt geschminkt und gekleidet – kann sich nicht ums Prinzesschen kümmern? Aufschrei! Ein Unding.
Findet zumindest Wick.
Denn Mütter nehmen sich nicht frei. Mütter müssen immer auf Zack sein. Immer fit, immer alles im Griff haben und dabei natürlich auch noch toll aussehen. Sie müssen funktionieren.
Aber Halt! Da gibt’s doch was von Ratioph…äh…Wick! Und schon kann man trotz Krankheit bei schönstem Winterwetter top-gestylt mit dem Prinzesschen Schneemann bauen.
Schöne heile Welt.

Den Sermon über die Gesundheitsgefahren solcher Kombi-Präparate spar ich mir, das kann jeder selbst nachlesen, der in der Lage ist, zu googeln. Dass meist nur das Empfinden verbessert, nicht aber die Ursache kuriert wird und dass eine verschleppte schwere Erkältung oder gar Grippe dank falscher Selbsteinschätzung zu schwerwiegenden Folgen wie Herzschäden führen kann, ist auch hinreichend bekannt.

Mama wirft sich lustige Pillen ein und dann funktioniert sie wieder. Weil sie es muss. Weil ohne Mutti gar nichts läuft.
Ja natürlich müssen Mütter „funktionieren“, erst recht, wenn man nicht mit einem perfekten, betreuungswilligen und – fähigen Umfeld gesegnet ist. Natürlich wirft Mama bei Kopfschmerzen lieber eine Schmerztablette mehr ein, damit das Kind vom Sport abgeholt, die Wäsche gewaschen und das Essen gekocht werden kann. Mama ignoriert auch ganz gerne mal ihre Bauchschmerzen oder Kreislaufprobleme, weil die Butze aussieht wie Sau und die Bügelwäsche da in der Ecke und der dreckige Hausflur und der Müll auf dem Balkon und …“was sollen denn die Nachbarn bloß denken!“. Und wer das bisschen Haushalt wuppt, der kann selbstverständlich auch arbeiten gehen. Klar. Supermutti. Die Pharmaindustrie macht es möglich.

Die Kernaussage, die dieser Spot vermittelt, ist – wenn auch mit einer ordentlichen Portion Weichzeichner – recht nah an der Realität. Leider.
Die Botschaft dahinter ist aber eine ganz und gar ekelhafte.

Während heutzutage Promi-Väter wie Sigmar Gabriel für „offensive Vaterschaft“ gefeiert werden, weil sie einen Tag der Arbeit fernbleiben um sich ums kranke Töchterchen zu kümmern (an dieser Stelle tosenden Applaus hinzudenken), ist die gemeine – in aller Regel auch noch berufstätige – Hausfrau und Mutter unersetzbar. Ein „Ausfall“ gleicht einer Katastrophe und wird gesellschaftlich geächtet. Bloß keine Schwäche zeigen.
Nur nicht um Hilfe bitten. Der Motor muss am Laufen gehalten werden. Mit allen Mitteln.

DAS ist Wicks Botschaft.

Und das ist nicht nur gesundheitsgefährdend sondern in höchstem Maße sexistisch und falsch.

Ich selbst habe gerade ein paar Tage „Magen-Darm“ hinter mir. Angesteckt beim Kind, das – wieder genesen aber noch krankgeschrieben – ebenfalls zu Hause war und natürlich beschäftigt und versorgt werden wollte. Anstrengend. Sehr sogar. Nix mit „ab ins Bett und auskurieren“. Ich habe funktioniert. Irgendwie. Zwischen unschönen Begegnungen mit der Badezimmereinrichtung habe ich versucht, das Kind bei Laune zu halten.
Mein Anblick und der Zustand unserer Wohnung hätte sicherlich selbst eingefleischte Privatsender-Trash-TV-Seher schockiert und ich hab mir nichts sehnlicher gewünscht, als ungestört drölfzig Tage den Eimer umklammernd in meinem Bett zu verbringen.
Tja.

Addiere noch einen kinderlosen Arbeitgeber ohne jegliches Verständnis und einen ebenfalls erkrankten Partner…. Yippie-Ya-Yeah!

Aber hey…das muss so!
Sagt Wick.

Und ich sage: Fuck you.

Wir sollten um Hilfe bitten und Schwäche zeigen dürfen.
Wir sollten alle etwas weniger „funktionieren“ müssen.
Sonst funktioniert irgendwann garantiert gar nichts mehr.

17 comments for “„Hurra, ich funktioniere!“ – Das fragwürdige Mütterbild der Firma Wick

  1. Miar
    9. Februar 2016 at 17:05

    Wahre Worte.

    Wie du schriebst: So ist es nunmal. Kein Vater der Welt wird sich frei nehmen, weil seine Frau krank ist und er aufs Kind aufpassen soll.

    • helen
      9. Februar 2016 at 20:11

      Mein Mann macht das 🙂

    • Cathrin
      9. Februar 2016 at 20:36

      nicht ganz so negativ. Ich hab hier so ein Exemplar 🙂 Und nein, er ist nicht nur Goldstück, aber wenns drauf ankommt kümmert er sich auch.
      Aber was leider so ist (wie auch beim Beispiel Gabriel): er wird dafür extern in den Himmel gelobt, bei „Mama“ wird es als selbstverständlich angesehen.

    • C.
      9. Februar 2016 at 21:22

      Doch, durchaus. Meiner. In den letzten Wochen leider ein paar Mal!

    • Sina
      10. Februar 2016 at 9:34

      Doch, einige Väter tun das. Ihnen wird nur nicht gleich ein ganzer Artikel gewidmet. So peinlich ich das mit Gabriels „offensiver Vaterschaft“ auch finde und ihm auch eine gewisse Selbstbeweihräucherung unterstelle – vielleicht ist es mal gut um darauf aufmerksam zu machen, dass sich das so gehört wenn beide Eltern arbeiten!

    • Christine
      10. Februar 2016 at 10:19

      das stimmt so nicht. Da kenne ich mindestens zwei. Das reicht vielleicht nicht, aber dafür können die beidnen nichts.

    • Doro
      10. Februar 2016 at 11:45

      Das stimmt ja so nicht. Mein Mann ist schon des Öfteren zu Hause geblieben. Zb als die ganze Meute inkl. mir Noro hatte. Allerdings machen wir sowas wirklich nur im „Nichts geht mehr“ -Notfall…

    • Markus
      10. Februar 2016 at 20:34

      Das ist einfach typisch! Der böse Mann der Arsch vom Dienst. Ich hab das schon oft gemacht und Frauen wie Du sorgen mit Hingabe dafür, dass die Gräben tiefer werden. Nur 25 Prozent Verständnis und Anerkennung um Vergleich zur Freundin die einen Jodelkurs besucht für den Mann aufwenden, das wäre mal was.

    • C.Peters
      10. Februar 2016 at 21:47

      Auch wenn es nicht ins Weltbild passt: ich (berufstätiger Alleinernährer von vier Kõpfen) bleibe regelmäßig zu Hause, wenn meine Frau „offline“ ist. Meine Firma zieht den Tag / die Woche vom Gehalt ab. Mir egal.

      Ich mag keine Pauschalierungen…

    • Schweinstuber
      10. Februar 2016 at 21:56

      Entschuldige, aber das stimmt so nicht! Ich Haan das schon öfters so machen müssen und auch gern gemacht!

    • waddiss
      11. Februar 2016 at 21:10

      Zum Glück gibt es doch Männer und Arbeitgeber, die auch ein Kranksein einer Mama tolerieren und unterstützen! Ich kann mich da nicht beschweren :O) Der bürokratische Akt, der schreckt eher ab… Attest, Antrag Krankenkasse, Abzug Lohn, geringes Krankengeld Krankenkasse….

  2. 9. Februar 2016 at 17:24

    Ja. Und die Alleinerziehenden stehen nicht selten kurz vor dem Burn-Out. Da geht dann irgendwann gar nix mehr, genau wie du es schreibst.

    Habe deinen Text auf FB geteilt. Viele Grüße!
    Christine

  3. Dr. Bob sein Schwager
    9. Februar 2016 at 19:06

    Ich finde die Kritik an dem Werbespot ein wenig albern.

    Eine Erkältung (und nur um die geht es) ist lästig. Ihre Symptome noch mehr. Dafür gibt es Wick. Oder halt was anderes. Wer in der glücklichen Lage ist, sich nicht um Kinder, andere Familienmitglieder oder nervige Haustiere kümmern zu müssen, ist fein raus. Ab ins Bett – Teekanne bereitstellen – 10 Tage auskurieren – Kondolenzmails von Bekannten entgegennehmen. Aber manche von uns können das nicht. Weil: Kinder, andere Familienmitglieder oder nervige Haustiere. Ja, für die geht es eben nicht, aber das hätten sie sich eben vorher überlegen sollen, bevor sie für Kinder, andere Familienmitglieder oder nervige Haustiere die Patenschaft übernommen haben. Da muß man eben Pillen schlucken.

  4. 9. Februar 2016 at 21:17

    DANKE! Mehr brauche und möchte ich dazu eigentlich gar nicht sagen; nur: DANKE!

  5. Elisabeth
    9. Februar 2016 at 22:24

    Also echt diese wick Werbung, hab auch gleich zu meinem Mann gesagt, jetzt weisst du warum ich mit 3 Kindern so gut drauf bin. Ich knall mir Pillen und alk Saft in den Körper. …geht garnicht…du sagst es…ein scheiß muss ich…so. Danke!!!

  6. Katha
    10. Februar 2016 at 15:50

    Und wenn Mama dann auf die irrsinnige Idee kommt sich nach der Elternzeit auf Jobsuche zu machen,wird sie beim Vorstellungsgespräch nur blöd gefragt: „Und wenn ihre Kinder mal krank sind?“. Und dann gibt es die Absage.

  7. Kristaldo
    12. Februar 2017 at 14:16

    Gerade eine dieser Erkältungen hinter mir. Zum Glück ist das Kind gesund geblieben und wenn es nachmittags in der Kita war, konnte Mutti ein wenig ausruhen. Tat gut! Auch der Gatte hat mitgeholfen, wenn auch nach einiger Diskussion. Nicht alle Väter sind wie von dir beschrieben, aber es gibt einige, die eben nicht wie selbstverständlich mehr übernehmen als sonst, sondern zumindest gebeten werden müssen. Man muss dazu sagen, dass mein Bester zuhause arbeitet – da ist zwischendurch mal das Kind abholen, aufräumen oder Töchterchen zu Bett bringen leichter einzurichten als wenn man zusätzlich dem Büro fernbleiben muss. Dennoch gab’s Diskussionen. Naja, nobody’s perfect. Aber Wick brauchen wir nicht. Das Team, nicht die Mama, sollte funktionieren. Egal aus wem’s besteht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.