Über Bundestagsabgeordnete, „Linksextreme“ und etwas, das sich Menschlichkeit nennt.

Letzte Nacht bin ich zum ersten Mal seit langem voller Dankbarkeit ins Bett gegangen.

Dankbarkeit dafür, dass ich ein Bett habe. Ein Dach über dem Kopf. Essen im Kühlschrank.

Die Bilder der Flüchtlingsströme, des toten Jungen am Strand, des „Flüchtlingslagers“ in Ungarn – kaum anders als Zwinger im Tierheim…

Bilder die man wohl nie vergisst.

Umso unfassbarer die Reaktionen einzelner Regierungsmitglieder in den letzten Tagen.

Nach dem peinlichen und rassistischen (ja, richtig: rassistisch!) Aussetzer des bayrischen Innenministers Joachim Herrmann, der bei „Hart aber Fair“ ohne mit der Wimper zu zucken – und erstaunlicherweise auch ohne großen Einspruch der anderen Talkshowgäste – das Wort „Neger“ sagte, als sei es alltäglicher Sprachgebrauch, rang ich schwer um Fassung.
Im Laufe der kommenden Tage sprangen zahlreiche Hinterbänkler der CDU/CSU auf den Shitstorm-Zug auf und stichelten nach. Ob Jens Spahn, der twitterte, ob man denn noch „Mohrenkopf“ sagen dürfe und die Antifa mit der NPD gleichzusetzen versuchte, oder aber Philipp Lengsfeld, der die Ausschreitungen im Osten der Republik in einem Tweet als „Skepsis“ herunterspielte und damit handfesten Rassismus verharmloste. (Von Erika Steinbachs tagtäglich abgesonderten Dünnschiss fange ich gar nicht erst an.)

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(Anmerkung: Ursprünglich sprach Herr Spahn noch vom „linken Pack“. Das wurde ihm offenbar zu heiß und der Tweet war recht schnell wieder verschwunden.)

Ich kann hier nur für mich sprechen, aber ich bin weder „linksextrem“ noch der Antifa zugehörig. Auch kein Pirat.
Nein, ich bin parteilos und hielt mich – zumindest bisher – für nicht sonderlich extrem.
Ich werfe keine Steine, zünde nichts an und skandiere keine verfassungswidrige Scheiße.
Doch hört, hört: Wer die Regierung und ihre Flüchtlingspolitik kritisiert, wer sich brandstiftenden Nazis in den Weg stellt, ist nach Ansichten einiger Regierungsmitglieder also „linksextrem“.

Aber mal ehrlich: wer tut es denn sonst?

Man kann doch nicht wirklich erwarten, dass wir kommentar- und tatenlos zusehen, wie der braune Mob die Oberhand gewinnt? Viel zu lange hat die Regierung zu den kriminellen Straftaten der „ich bin ja kein Nazi, aber…“ -Bürger geschwiegen. Übergriffe, Diffamierungen, Brandstiftung. Das hat nichts mit Meinungsäußerung zu tun, das ist kriminell. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Der denkbar schlechteste Zeitpunkt um zu „merkeln“ und die Füße still zu halten, oder haben die werten Damen und Herren im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst?

Jeder klar denkende Mensch mit einem angemessenen Demokratieverständnis sollte sich sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Alles, was es braucht, um die momentanen Geschehnisse richtig einzuordnen, ist Anstand und Empathie.

Punkt.

Als ich vorhin das Video der ankommenden Flüchtlinge sah, die in München unter Applaus empfangen wurden, musste ich weinen.
Das ist das mindeste, was diese Menschen nach Wochen und Monaten auf der Flucht verdient haben. Menschen, wie der Jugendliche, der seine Oma mit dem Rollstuhl von Afghanistan bis nach Ungarn schob. Menschen, die es für sicherer halten, sich auf ein vollkommen überfülltes Schlepperboot zu zwängen, als in ihrem Heimatland zu bleiben.

Aber Kaltland diskutiert über „Armutsflüchtlinge“.

Liebe Bundestagsabgeordnete, liebe Staatssekretäre, lieber bayrischer Innenminister.
Wir sprechen hier nicht von „Wirtschaftsflüchtlingen“, wir sprechen von Menschen, in deren Heimat Krieg herrscht, die um ihr Leben bangen. Um das Leben ihrer Familien. Ihrer Kinder.

Menschen, die aus Städten wie Aleppo oder Kobane stammen, in denen enthauptete Körper in den Straßen liegen, die dazugehörigen Köpfe aufgespießt auf Zäune.

Umso unverständlicher das Verhalten oben erwähnter Bundestagsmitglieder. Unfassbar herzlos und kalt. Die einzige Erklärung für derartige Aussetzer: Man fischt munter nach Wählerstimmen am rechten Rand.
Abschließend ein paar Worte zur Antifa, dem erklärten Feindbild der Regierungsparteien.

Gerne verweise ich hier auf den Beitrag aus dem Tagesspiegel vom 24.01.2014.
In seinem Artikel „Danke, liebe Antifa!“ schreibt Sebastian Leber:

„Gäbe es den Widerstand nicht, hätten Rechtsextreme bald keine Hemmschwelle mehr, in der Öffentlichkeit zu agieren. Sie könnten ungestört Flugblätter verteilen: vor Supermärkten, vor Schulen, in Fußgängerzonen. Sie könnten Druck ausüben und anderen ihre Werte aufzwingen.“

Und weiter: „Ein Beispiel dafür ist der jährliche Naziaufmarsch in Dresden: Der wurde schon mehrfach gestoppt, weil Antifa-Gruppen zu Blockaden aufgerufen hatten. Hinterher werden aber stets die Bürger gelobt, die sich auf der anderen Elbseite im Kreis an den Händen festhielten.“

Das lasse ich nun einfach mal so stehen.

 

Herzlichst, Ihre nicht-extreme „Linksextreme Antifantin“

 

 

PS: Wofür das „C“ in „CDU“ und „CSU“ steht und welche Werte damit verbunden sein sollten, diskutieren wir ein andermal.

PPS: #refugeeswelcome

 

 

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